Ein Sonntag im Mai

Sie schliefen lang an diesem Sonntag im Mai. Es war ein wunderschöner Frühlingstag. Die Bäume und Sträucher standen in voller Blüte. Die Luft, die ins Zimmer strömte, roch nach Frische. Durch die halb geöffneten Fenster im Schlafzimmer hörte man die Vögel singen. Sie drehte sich zu ihm und umarmte ihn zärtlich.

„Mein Schatz, wie wäre es mit Aufstehen und Frühstück machen?“

Langsam drehte er sich zu ihr. Er sah in ihre dunklen braunen Augen. Wie wunderschön sie war. Er liebte sie wie am ersten Tag. Es war über vier Jahre her, als er sie kennen lernte. Er erinnerte sich noch genau an den Tag. Es war auf einer Kirmes. Sie stand vor einer Achterbahn in der Schlange zur Kasse. Er stand genau hinter ihr und so kamen sie ins Gespräch. Dann fuhren sie im gleichen Wagen und er hatte sie danach auf einen Drink eingeladen. So begann es. Sie haben sich wieder gesehen, und sie haben sich ineinander verliebt. Bald darauf zog sie mit ihren paar Habseligkeiten in seine Wohnung. Es war nicht viel, was sie mitbrachte, und es ist seither auch nicht viel dazu gekommen. Sie brauchte nicht viel zum Leben. Die meisten Gegenstände in der Wohnung waren seine Sachen. Es war eine der Eigenschaften, die er an ihr so sehr mochte – ihre Einfachheit.

„Dann werde ich wohl aufstehen müssen, mein Liebes“ flüsterte er ihr ins Ohr. „Wenn Du gerne frühstücken möchtest, dann werde ich aufstehen und das Frühstück für uns zubereiten.“

Sie verschwand im Badezimmer, um sich frisch zu machen. Nachdem er den Frühstückstisch gedeckt hatte, ging auch er ins Badezimmer, um sich zu waschen und zu rasieren. Sie fegte inzwischen wie ein Wirbelwind durch die Wohnung, öffnete alle Fenster, um die wunderbare Luft hereinzulassen und sich an dem Zwitschern der Vögel zu erfreuen. Sie küsste ihn, bevor sie sich zum Frühstück setzten. Es gab viel Käse, ein Ei und frisch getoastetes Brot. Sie liebten es, am Sonntag ausgiebig Zeit für das gemeinsame Frühstück zu haben.

„Was machen wir heute?“ fragte sie ihn.

„Ich weiß nicht. Wollen wir am Nachmittag einen Spaziergang machen und abends ins Schwimmbad gehen?“

„Das ist eine gute Idee. Lass uns gleich nach dem Frühstück losfahren.“

Sie packten die Wanderstöcke ins Auto und fuhren in einen nahegelegenen Forst. Es war keine weite Strecke, die sie zurücklegen mussten. In einer knappen halben Stunde waren sie am Ziel angelangt. Sie parkten den Wagen am Straßenrand, nahmen ihre Stöcke und wanderten durch den Forst. Es war eine schöne, ruhige Wanderung und nach zwei Stunden erreichten sie wieder den Parkplatz. Gut gelaunt traten sie den Heimweg an.

Der Nachmittag war bereits fortgeschritten und müde waren sie auch von der Wanderung. Deshalb machten sie es sich auf der Couch bequem. Ein bisschen streichelten sie sich noch, aber dann kam der Schlaf über sie. Tief und fest. Erst gegen sieben Uhr abends öffnete er wieder seine Augen. Langsam blickte er durch das Wohnzimmer, hinaus auf die Terrasse. Langsam begann es draußen dunkel zu werden. Er bewegte zart ihre Schulter hin und her, bis sie ebenfalls erwachte. Ein bisschen knutschten sie herum, dann drehte sie sich um und entzog sich seinen Umarmungen.

„Komm, sagte sie, lass uns noch etwas unternehmen!“

Verschlafen blinzelte er sie an. „Was willst Du denn jetzt noch tun?“

„Lass uns ins Schwimmbad gehen. Es ist nicht weit zu fahren mit dem Auto und es ist bis zehn Uhr geöffnet. Ein Freibecken haben sie auch, da kann man wunderbar im freien schwimmen, wenn es dunkel ist.“

„Na gut, dann lass uns unsere Sachen packen!“ Er war noch nie in diesem Schwimmbad gewesen, so war er denn doch auch ein bisschen neugierig darauf.

Sie packten alles in eine große Tasche, zogen sich an und machten sich auf den Weg. Im Schwimmbad angekommen, stellten sie fest, dass nur wenige Leute dort waren. So würde es noch schöner werden, weil es nicht so überlaufen war. Zuerst gingen sie duschen und trafen sich dann wieder am Eingang zum Bad. Sie trug die Tasche, in der sie ihrer beider Sachen verstaut hatten. Ein paar Kinder plantschten lärmend herum.

„Gehen wir gleich in das Außenbecken? Es ist wunderbar warm da und es gibt auch ganz viele Düsen und Wasserspiele. Du wirst es mögen“

Er nahm ihre Hand und sie gingen Richtung Außenbecken. Kurz bevor man durch eine Schleuse nach draußen kam, standen ein paar Tische und Stühle vor der Fensterfront. Sie stellte die Tasche darauf ab.

„Da können wir sie ein bisschen im Auge behalten“.

Es war nichts wertvolles in der Tasche, nur ihre Handtücher und Shampoo. Ein paar Zeitschriften, die sie für später zum Lesen eingepackt hatten, und er hatte das Buch mitgenommen das er gerade las. Ein schöner Reisebericht von Paul Theroux. Vielleicht kam er später ja auch noch dazu, ihn zu lesen. Aber jetzt wollten sie eintauchen in das warme Wasser des Außenbereichs. Einmal durch den Plastikvorhang und dann waren sie im Freien. Das Wasser dampfte, dass man nicht zum anderen Beckenrand sehen konnte. Obwohl es schon Anfang Mai war, waren die Abende doch noch kalt. Aber es war so schön in dem warmen Wasser. Man konnte alles vergessen hier. Er stellte sich unter eine dieser Wasserduschen, aus  der das Wasser in einem dicken Strahl herauskam. Er liebte es, sich das Wasser auf die Schulter prasseln zu lassen. Sie küsste ihn auf die Lippen und verschwand in Richtung der Düsen in der Mitte des Beckens, die gerade aktiv wurden. Er sah ihr nach und sie warf im noch einen Kuss zu. Dann schloss er die Augen. Er genoss den Wasserstrahl, wiegte seine Schultern darunter. Ein schönes Gefühl.

Dann versiegte der Strahl. Das Wasser wurde wieder auf andere Anwendungen umgeschaltet. Er öffnete die Augen und sah sich nach ihr um. Der Dampf nahm ihm die Sicht. So bewegte er sich langsam durch das Becken, die Wassertiefe reichte gerade bis zum Brustkorb. Aber er konnte sie nicht finden. Wo er auch suchte, sie war nicht da. Das konnte doch nicht sein. Er wandte sich nach rechts, dann nach links. Er suchte sie in dem kleinen runden Bereich, wo man das Wasser aufschaukeln konnte. Sie war nicht zu finden. Dann fiel sein Blick durch die Glasscheibe auf den Tisch, auf dem sie ihre Tasche abgestellt hatten.

 Die Tasche war weg. Was sollte das bedeuten? Na, vielleicht war sie schon zum Sportbecken gegangen und hatte die Tasche mitgenommen. Komisch, dass sie ihm nicht Bescheid gesagt hatte.Er schwamm zum Ausgang und drückte sich durch den Plastikvorhang zurück in den  inneren Bereich des Bades. Er ging weiter Richtung Sportbecken, aber er konnte sie nicht finden. War er denn jetzt vollkommen von Sinnen? Er ging nochmal zurück zum Außenbecken und wieder zurück. Die Tasche war verschwunden so wie auch sie. Er ging den Weg nochmal. hin und zurück. Keine Spur. Weder von ihr noch von der Tasche. Das konnte doch nicht sein. So groß war das Bad nun auch nicht. Er ging in den Umkleidebereich. Nichts. Das war doch nicht möglich. Er fragte einen der Bademeister. Auch der hatte niemanden gesehen, auf den die Beschreibung passte. Nochmal ging er zurück zum Außenbecken und wieder zurück. In die Umkleide und wieder zurück. Sie war weg, verschwunden.

Nachdem er das Personal nochmal befragt hatte, musste er irgendwann akzeptieren, dass sie unauffindbar war. Er war durcheinander, er verstand es nicht, was hier vor sich ging. Oder was das sollte. Er zog sich um. Seine Sachen waren noch im Schrank, er hatte ja den Schlüssel gehabt. Aber ihre Sachen waren weg. Wie konnte das sein? Er hatte doch den Schlüssel an seinem Handgelenk getragen. Nachdem er umgezogen war, ging er zu seinem Auto, steckte den Zündschlüssel in das Schloss, drehte ihn um und fuhr heim.

Daheim angekommen dachte er noch, das alles sei ein böser Scherz. Er träumte das alles und wenn er dann wieder aufwachte, wäre alles wieder gut. Aber sie war auch nicht hier. Es war seine letzte Hoffnung. Fassungslos stand er in der Wohnung. Alles, was ihr gehört hatte, war verschwunden. Es war nichts mehr da. Nicht das kleinste Ding, das ihr gehört hatte, war hier. Ihr Schrank war leer. Nicht eine Spur von ihr ließ sich finden. Es war als hätte sie nie existiert.

So sah es auch die Polizei, an die er sich wandte.

„Hier hat nie jemand außer ihnen gewohnt. Es gibt keine Person, die hier je gemeldet war, außer ihnen.“

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