Der Tod des Karpfens

Wir wohnen in einem kleinen Ort in der Nähe einer großen Stadt. Vor drei Jahren sind wir hierher gezogen. Hier zu wohnen hat einige Vorteile. Die Mieten sind billiger und es ist absolut ruhig. Nicht das laute Leben wie in der Stadt, beschaulich und ruhig ist es hier. Man kennt die Nachbarn, man grüßt sich morgens und wenn man mal vergisst, die Haustür zu schließen, passiert auch nichts.

08:30 Uhr

Es ist Samstag und das Wochenende steht vor der Tür. Das Wetter ist nicht besonders gut. Aber zum Glück regnet es nicht. Meine Freundin Lucy und ich  haben ein gemütliches Frühstück hinter uns und wollen einen Handwerkermarkt in der weiteren Umgebung besuchen. Unsere gemeinsame Bekannte Adele will auch mitkommen und so machen wir uns auf den Weg, erstmal Adele von zu Hause abzuholen. Dann geht es raus aus der Stadt, über schmale Strassen und durch viele kleine Dörfer, da wir wieder einmal „kürzeste Entfernung“ auf unserem Navi eingestellt haben. Wenn man Zeit hat, ist das eine gute Einstellung, denn man lernt Gegenden kennen, durch die man sonst nie kommt, wenn man nur die großen Strassen fährt. Das machen wir immer dann, wenn Zeit keine Rolle spielt.

08:45 Uhr

Es ist einer dieser Morgen, wie er schon viele erlebt hatte. Nur dass er seit kurzer Zeit nicht mehr in einem der großen Teiche ist, in denen er aufgewachsen war. Solange er sich erinnern konnte, und das mögen jetzt gut drei Jahre sein, war er immer in einem dieser großen Teiche. Es war eigentlich ein schönes Leben, viele Artgenossen waren da mit ihm. Jeden Tag gab es zu bestimmten Zeiten Futter, für das er eigentlich nicht mehr tun musste, als das Maul zu öffnen. Spaß machte es, sich dabei ein bisschen mit den Kollegen ums Futter zu balgen. Aber eigentlich war immer genug für alle da. Sommer wie Winter gab es immer gleich viel davon. So wuchs er auch zu einem recht stattlichen Karpfen heran. Zwei Mal musste er schon umziehen in einen anderen großen Teich, aber da waren dann alle Freunde wieder da. Er konnte mit seinem Leben eigentlich ganz zufrieden sein.

09:30 Uhr

Wir plauderten ganz nett im Auto über dies und das. Adele erzählte über ihren Urlaub in Australien, und wir berichteten von unserem vierwöchigen Amerika Aufenthalt. Als wir schon fast den Handwerkermarkt erreicht hatten, meinte Lucy plötzlich: “Heute sind wir irgendwie anders hierher gefahren. Da war doch immer eine Fischzucht am Weg“. „Ja“, sagte ich, „an der sind wir auch vorbeigefahren“. Sogar Adele hatte sie gesehen, obwohl sie hier noch nie gewesen ist.

„Wieso fragst Du“?

„Wir könnten heute Abend Fisch machen“.

„Der Laden wird aber auf unserem Rückweg sicher schon geschlossen haben“.

Damit war das Thema Essen wieder beendet, und wir hatten mittlerweile den Handwerkermarkt erreicht. Wir stellten das Auto am Parkplatz ab und gingen zu Fuß über die Straße zum Eingang. Wir machten uns gleich auf die Suche nach einem Stand, der selbst gemachte Filzschuhe verkaufte. Wir hatten vor gut einem Jahr zwei Paar der hübschen Hausschuhe gekauft, waren nun aber etwas irritiert, dass beide Paare einen etwas sonderbaren Geruch absonderten. Wir hatten die Tage zuvor schon telefonisch versucht, Rat zu erhalten. Leider konnte man uns aber nicht helfen. So hatten wir die Schuhe dabei und hofften, das Problem vor Ort klären zu können.

09:45 Uhr

Seit einiger Zeit war er mit wenigen seiner Artgenossen in einem viel kleineren Becken. Es war hier anders als in den Teichen, keine Pflanzen, keine Steine am Boden. Auf einer Seite konnte man durch eine Art Wand sehen. Davor bewegten sich immer wieder andere Lebewesen. Es waren keine Fische, und er konnte auch nicht zu ihnen hin schwimmen. Wenn er das versuchte, stieß er gegen etwas, durch das man zwar durchsehen, aber nicht durchschwimmen konnte. So ganz verstand er das nicht. Aber er hatte sich daran gewöhnt, war ja doch nicht zu ändern. Manchmal dachte er an die Zeit in den großen Teichen zurück, da waren viel mehr seiner Artgenossen. Hier kam immer wieder einer der anderen Karpfen aus dem großen Teich dazu, komischerweise verschwand auch immer wieder einer seiner Freunde. Aber was sollte er sich darüber Gedanken machen, er würde ja doch nicht erfahren, warum es so war.

10:00 Uhr

Die Dame an dem Stand mit den Filzwaren war sehr freundlich und erinnerte sich auch an unser vor kurzem geführtes Telefongespräch. Doch wirklich helfen konnte sie nicht. Ihr sei das Problem vollkommen unbekannt, noch nie hatte sie gehört, dass diese Pantoffeln nach einiger Zeit zu riechen beginnen. Aber sie sparte nicht mit vielen Tipps, was man denn so probieren könnte, um den Geruch loszuwerden. Da uns das alles eigentlich nicht weiterhalf, bedankten wir uns nach einiger Zeit höflich und beschlossen, das Problem durch die Entsorgung der Pantoffeln zu lösen. Wir bummelten weiter über den Markt. Es gab viele schöne Sachen zu bewundern. Wohlriechende Seifen, die mir besonders gut gefielen, handgefertigte Teppiche, Lampen, Geschirr und vieles mehr. Dazu gab es natürlich viele Stände mit kulinarischen Köstlichkeiten. Nicht abhalten ließ ich mich von geschmolzenem Käse auf frischem Brot, eine Köstlichkeit. Wir interessierten uns aber auch für eine besondere Stahlpfanne. An diesem Stand bekam man die Bratkartoffeln zum Probieren, die in dieser Pfanne zubereitet wurden.

11:15

Es gab Futter. Er ließ es sich schmecken. Die anderen Karpfen, es waren zurzeit nur wenige in dem Becken, taten es ihm gleich. Er hatte heute interessiert beobachtet, was hinter dieser Wand, durch die man nicht  durchschwimmen konnte, passiert. Wenn sich diese Lebewesen, von denen er nicht wusste, was sie sind, bewegten, kam immer wieder mal ein Netz in das Becken und einer der Artgenossen wurde herausgeholt. Er konnte nicht erkennen, was dann weiter passierte. Aber so ging es ja jeden Tag. Mal mehr, mal weniger. Er hatte sich daran gewöhnt. Was sollte er auch machen.

14:20

Wir hatten genug vom Handwerkermarkt und beschlossen, wieder zu gehen. Nicht ohne vorher noch die eine oder andere Köstlichkeit probiert zu haben. Wir fuhren vom Parkplatz los, ich saß wieder hinten im Auto, damit sich die beiden Damen vorne besser unterhalten konnten. Ich hatte mir aus dem Grund auch eine Zeitschrift mitgenommen, in der ich jetzt blätterte. Während ich mit meiner Lektüre beschäftigt war, hörte ich auch immer wieder ein paar Sätze des Gespräches vorne aus dem Auto mit. Das Gespräch kam auf das Abendessen. „Was wollen wir denn nun kochen?  Wollen wir Fisch machen?“. Bald kamen wir zu dem Fischladen und Lucy meinte: „Laß uns doch mal sehen, ob noch geöffnet ist“! Und schon fuhren wir auf den Parkplatz. Kurz danach, es war kurz vor Geschäftsschluß, betraten die beiden Damen das Geschäft. Ich blieb im Auto, da ich wenig Interesse hatte fürs Abendessen einzukaufen.

14:27

Es war ihm ziemlich langweilig. Er schwamm ein paar Mal auf und ab im Becken, aber so richtig Freude bereitete ihm das auch nicht. Seine Versuche, die anderen zum Mitschwimmen zu bewegen, scheiterten ebenfalls. So blieb er schließlich ruhig im Wasser und starrte durch diese Wand, durch die man nicht durchschwimmen konnte, als er plötzlich zwei dieser Lebewesen sah.

14:35

Lucy und Adele kamen wieder aus dem Laden. Lucy hielt eine Plastiktüte in der Hand und sagte freudestrahlend, dass es am Abend einen wunderbaren Karpfen geben wird.

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