Der Tag, der mein Leben änderte (08.08.12)

VORWORT
Lange habe ich mit mir gerungen, ob ich in meinem Blog darüber schreiben soll oder nicht. Nun bin ich zur Überzeugung gekommen, dass es sicher nicht nur mir hilft, sondern vielleicht auch anderen: Etwas zu erfahren über diese Krankheit und auch, wie man ihr vorbeugen kann.

Der Tag, der mein Leben änderte
Mich hat der Schlag getroffen. Nicht im übertragenen Sinne, wie man oft so daher sagt, wenn man über eine Überraschung der unangenehmen Art spricht. Nein, ganz real ein Schlaganfall. Wie der Name sagt, es ist ein Schlag, ein Blitzschlag, ein Donnerschlag, ein Schicksalsschlag, den man aber nicht spürt. Es gibt keinen Hinweis davor, während oder nach dem Schlaganfall. Kein Schmerz, kein Knacken, nichts. So war es jedenfalls bei mir.

Es muss wohl gegen 22 Uhr gewesen sein. Ich lag im Bett und las noch in dem Buch, das ich mit der Kindle-App für Windows von Amazon auf mein Netbook heruntergeladen hatte. „Crum“ ein englisches Buch, halb autobiografisch, erzählt die Geschichte des letzten Highschooljahres eines Jungen in Crum, einem Dorf mit 219 Einwohnern in West-Virgina. Während ich gerade fasziniert lese, fühlt sich mein linker Arm plötzlich ein bisschen komisch an. Ich kann nicht genau sagen, was anders ist, ich habe irgendwie das Gefühl, dass ich ihn nicht ganz unter Kontrolle habe, dann aber doch wieder. Ich denke, dass ich einfach nur müde bin. Ich schließe das Netbook, lösche das Licht und versuche zu schlafen. Es gelingt mir aber nicht.

Nach einer ganzen Weile stehe ich nochmal auf und setze mich in die warme Sommernacht, wobei ich bemerke, dass mit meinem linken Bein auch irgendetwas nicht ganz in Ordnung zu sein scheint. Ebenso wie mit meinem Blutdruck. Ich nehme eine Tablette. Und etwas später gönne ich mir ein Gläschen Grappa, als Sabine mich auf der Terrasse sitzend findet. Ihren Vorschlag, einen Arzt zu holen, lehne ich entschieden ab. Noch immer denke ich mir nichts, gehe wieder ins Bett und schlafe auch ein. Gegen zwei Uhr morgens werde ich erneut wach und will zur Toilette gehen, da knickt mir das linke Bein vollkommen kraftlos weg und ich liege der Länge nach im Vorzimmer. Den Kleiderständer habe ich auch gleich mit umgerissen, er liegt halb über mir. Ich will immer noch keinen Arzt, denke alles wird schon werden, aber Sabine verständigt jetzt Gott sei Dank den Notarzt. Dieser kommt auch bald, d.h. zunächst zwei Sanitäter, die einen Zugang zu meinen Venen legen und dann bekomme ich eine Infusion.

Jetzt steht die Diagnose fest: Schlaganfall! Bogenhausen, das am nächsten gelegene Krankenhaus ist total überfüllt und nimmt keine Patienten mehr auf, und so bringen sie mich nach Harlaching, einmal quer durch München. Bevor es losgeht, beschließen die Sanitär, einen Notarzt auf der Fahrt dabei haben zu wollen. Als dieser ankommt, werde ich auf der Trage in den Rettungswagen geschafft. Dort liege ich nun, über mir baumelt die Infusion an der Decke des Krankenwagens und das schale Neonlicht im Inneren beleuchtet den Arzt und den Sanitäter links und rechts von mir. Durch die Milchglasscheiben am Heck des Wagens sehe ich undeutlich die Strassenlaternen gespenstisch vorbeiziehen. Wo sind wir jetzt? Wo ist Sabine? Ach ja, sie wollte ein paar Sachen von mir packen und dann hinterher kommen. Innerhalb kurzer Zeit sind wir in der Notaufnahme. Jetzt geht alles sehr schnell, ich sehe viele Menschen rund um mich und an mir herum machen, viele Fragen stellen, mich in eine Röhre, groß wie das Maul eines Walfisches, schieben und immer wieder meine Reflexe prüfen.

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich da liege, irgendwann werde ich umgeladen und auf eine Überwachungsstation gebracht. Kabeln und Schläuche werden an mich angeschlossen, über mir flimmert der Überwachungsmonitor und die Pumpen für die Infusionen summen leise vor sich hin. Jetzt kommt auch Sabine mit ein paar Sachen und versucht mich zu trösten. Aber ich glaube, mich kann gar nichts mehr trösten. Es ist ein Abgrund, der sich vor mir auftut. Es ist einfach furchtbar.

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